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Besuch des Flüchtlingslagers Hohenleipisch

Von der Autobahn kommend sieht Mensch hauptsächlich die Infrastruktur der nahegelegenen BASF Werke von Schwarzheide. Hochspannungsmasten, Bahnstrecken, der ein oder andere Imbiss am Strassenrand. Eines fällt sofort auf, ohne Auto ist Mensch hier aufgeschmissen. Das Lager in Hohenleipisch liegt fern ab von jeglichen Möglichkeiten, sich einen normalen Alltag zu organisieren. Die bis zu 130 MigrantInnen sind in drei ausgebauten Barracken untergebracht, diese wurden kurz nach der Wende notdürftig auf irgend einen Standard gebracht. Seit dem wird „…ab und zu mal ein Brett irgendwo rangenagelt damit spielende Kinder sich nicht verletzen können“. Frauen und Kinder waren nicht zu entdecken, nach Aussagen vor BewohnerIinnen vor Ort hatte die Heimleitung am Morgen eilig etwas Geld verteilt und die Frauen zum Einkaufen geschickt. Auf Nachfragen gab es keine direkten Antworten wie viele Kinder denn zur Zeit in diesem Lager mit untergebracht sind. Ein Bewohner zeigte sein Zimmer, etwas weniger als 20 qm sind ihm zugewiesen worden, oft leben in diesem „Rückzugsraum“ bis zu vier Menschen. Ein Einzelzimmer gilt als Privileg. Eine wuchtige Schrankwand die wie aus einer anderen Welt hierher gebeamt erscheint nimmt große Teile ein. Der Fernseher läuft als wir das Zimmer betreten, es wirkt sehr geordnet, alles scheint seinen festen Platz zu haben. Erzählungen von ex Gefangnen kommen in Erinnerung, einen Ordnungssinn den Menschen aus Gefangenenzelle beschreiben. Das wenige was der Mensch besitzt, hat seinen festen Platz. Der Gang zeigt Merkmale wie in einer typischen staatlichen Einrichtung, vor jedem Raum steht ein Papierkorb auf einem kleinem Tischchen, jedes Zimmer hat eine Nummer, darunter steht die Quadratmeterzahl. Die Umgebung der Barracken wirk verlassen, BewohnerInnen Berichten wie unheimlich es Nachts ist, Wildschweine kommen immer wieder, dann trauen sich hier nur die wenigsten aus dem Haus. Gegen etwaige Eindringlinge von aussen wird uns versichert, kümmert sich ein Wachschutz, Probleme mit Nazis habe es hier aber angeblich nie gegeben. Eine Hinweistafel am Eingang warnt davor, sich nicht unangemeldet bei der Heimleitung erwischen zu lassen, ab 22h müssen BesucherInnen das Gelände verlassen haben. Ein Bewohner ruft uns eilig, wir sollen mit ihm mitkommen, er zeigt uns bauliche Mängel und eine Kochstelle, die Elektroherde sind seit Jahren nicht getauscht worden. Im Duschraum sind Schläuche und Brauseköpfe teilweise mit Klebeband zusammengebunden, einen Schlüssel gibt es nicht zum abschliessen der Duschen,  Männer und Frauen müssen sich den sanitären Bereich teilen.

Es sind Eindrücke die uns nur einen Bruchteil vermitteln, was diese Menschen erleiden müssen, einige Erzählen offen davon wie die Isolation sie krank macht, sie wollen hier Weg, nichts sehnlicher als relativ Normal in einer größeren Gemeinde zusammen mit anderen Menschen zu wohnen. Anschliessend kommen einige BewohnerInnen mit zu einer im Rahmen des Aktionstages angesetzten Demonstration im nahegelegenen Herzberg. Die Rund 70 Menschen fallen schnell im Ortsgeschehen auf, schon die ca. zehn Streifenwagen verursachen so etwas wie ein Grossevent im Ort. Ungläubig schauen viele Anwohnerinnen das geschehen an, manche schütteln ohne zu wissen worum es eigentlich geht, gleich mit den Köpfen. Einige jedoch sind offen, fragen Anwesende und lesen aufmerksam die Handzettel die überall verteilt werden. Mit viel Kraft und Wut, aber auch guter Stimmung ging es teilweise singend und Parolen rufend bei strahlendem Sonnenschein durch die Straßen von Herzberg bis zum Landratsamt. Dieses wirbt mit Toleranz und Vielseitigkeit am Eingangsschild, es klingt ein wenig wie nach hohn für alle die in Hohenleipisch waren. Dem Dezernat für Recht, Ordnung und Sicherheit Dr. Erhard Haase soll ein offener Brief überreicht werden. Lust dies draußen vor der Tür zu machen hat er nicht. Ein Bewohner von Hohenleipisch versucht an ihn zu Appellieren das Lager zu schließen und sofort die Bedingungen zu verbessern. Unter tränen fleht er sich für menschenwürdigere Zustände einzusetzen. „So habe ich mir Deutschland nicht vorgestellt, ich bete zu Gott, bitte helfen sie uns.“ Die Szene ergreift den Großteil der Anwesenden, der aus Kenia geflüchtete Mensch dreht sich aus Scham weg, während Dr. Haase der anwesenden Presse mitteilt das er keine Gründe dafür sieht aktuell etwas zu verändern. Im Gegenteil der Landkreis hat nach der Wende eine Menge Steuergelder investiert um die Einrichtung herzurichten. Die Betreiberfirma K&S mietet das Gelände vom Land gegen Entgelt.

Die Demo zieht zur Ausländer Behörde wo es eine kurze Abschlusskundgebung gibt, die Bewohnerinnen von Hohenleipisch fahren gemeinsam mit uns zurück in das Flüchtlingslager, mit dem Unterschied das sie hier bleiben müssen, es wird sich verabschiedet, einige Lebensmittel werden noch vor Ort gelassen. Was bleibt ist, das wir nicht wegschauen dürfen, oder anders, genau Hinschauen müssen, wie dieser Landkreis, dieses Land mit Flüchtlingen umgeht.

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